„Weben“ Ein altes Handwerk neu entdeckt

Zwanzig Jahre liegt mein Abschluss zur Hand­webgesellin zurück und seither kenne ich es, dass dieser Beruf als überholt angesehen wird. Meine Überzeugung hatte mich aber, über alle Bedenken Anderer hinweg, zu meinem dritten Berufsabschluss verholfen. In einer visuellen Welt am PC und Handy fehlt dem Menschen heute das konkrete Tun, das ihn im Denken und Planen überprüft und schult. Wenn den heutigen Erwachsenen das noch nicht deutlich ist, weil es in ihrer Kind­heit und Ju­gend genug handwerkliche Betäti­gung gab, so führt es die jetzigen Generatio­nen künftig in ein Fias­ko. Denn wenn Men­schen am PC durch ei­nige Mausklicks Reali­täten auslö­sen (Umsetz­ung und Planun­gen für Ande­re), ist manchen ihr Han­deln und Verantwor­ten nicht im vollen Um­fang deutlich. So gehört stets Kenntnis über die Menschen vor Ort und Nach­fragen und Ge­nauigkeit zu den Überle­gungen.
Nach einer Saisontätigkeit kam ich in die Situa­tion, auf dem Amt meine wahren Ambitionen mit meinem Handwerk anzusprechen. Ich be­kam die Aufgabe, Langzeitarbeitslose anzulei­ten, um sie zu fördern.

Partnerschaftliches Bandweben am Rispenkamm

Partnerschaftliches Bandweben am Rispenkamm

Die Menschen waren verschlossen, und es ge­hörte einiges dazu ,sie aufzuschließen. Ich gab Aufgaben, die zum gemeinsamen Tun verhal­fen (z.B. Regalbau), und Aufgaben, die neue Fähigkeiten entdecken ließen und schönes Ge­stalten erforderten: Weihnachts­karten gestal­ten, Transparentsterne basteln, Krippenbau, Filzfiguren, Hexen aus Filz und Faschingsmas­ken und -hüte herstellen. Dann leitete ich Os­tern einen Workshop, Hasen zu filzen mit sehr interessanten, zum Teil nicht deutsch spre­chenden Teilnehmern. Die Er­gebnisse wa­ren begeisternd und auch ein le­bensgroßer Hase entstand, der dann mit Pro­fessor Walz abreis­te: ins einzige deutsche Ha­senmuseum, um dort künftig bestaunt zu wer­den.

Schließlich wurde ich für einen Kurs in der Frei­en Schule All­gäu für „Weben“ an­gefragt und das, obwohl die Schu­le gar keine Web­stühle besitzt. Wie­derum musste ich kreativ wer­den und begann mit Trockenfil­zen und Spinnen. Ich ließ mir Holzschei­ben herstel­len und baute dar­aus Handspindeln. Wusch mit den Kindern am letzten Schul­tag Schafwolle bei 40° C Som­merwetter, kämmte die Wolle auf ei­ner Nadelwalze, brachte ein Spinnrad.

Schulstarterin zeigt Filzmaus

Schulstarterin zeigt Filzmaus

Oft gehen Kinder wild und unge­ordnet in die Stunde und verlas­sen sie erholt und ausgewo­gen nach den Filz­arbeiten. Ob­wohl Kinder kommen, die sich oft gar nicht auf­einander ein­lassen wollen, lernen sie sich in ih­ren unter­schiedlichen Anlagen schätzen und finden im Tun zueinander. Sie lernen mit- und voneinan­der. So wird mein Handwerk zu einer Möglich­keit des sozialen Gestaltens und Erzie­hens. In­zwischen machen wir schmale Bandwebpro­dukte, die zu Gürteln, Taschen­gurten, Handyta­schen und Deckchen verarbei­tet wer­den, je nach Wunsch der Kinder. Ich ver­wende beim Trockenfilzen die natürli­chen Far­ben und pflan­zengefärbte Wolle. Immer wieder gibt es Kin­der, die nichts ande­res als Trockenfilzen wol­len, wenn sie zu mir kommen. Sie haben ent­schieden, dass die Tä­tigkeit, die ich als Lückenbüßer einplante, ein fester Bestandteil wurde. Die Kinder erleben hier, dass ein har­monisch gestaltetes Ergebnis entsteht, und zwar nicht auf Knopfdruck, son­dern nur so, wie sie es formen. Die Kinder ent­deckten die pflan­zengefärbte Wolle als stets sich harmonisch zueinander verhaltend. Um sie zu verweben, mussten erste einfache Spinnergebnisse gelin­gen. Erst leitete ich am Spinnstöckchen an, dann kam die Scheibe dazu, schließlich holte ich das Spinnrad. Wenn auch die Begleitung sein muss, weil Hände und Füße noch nicht zusammen arbeiten können, so ist ein schritt­weises Verstehen möglich. Auch drehten wir Fäden zusammen, zwirnten, oder stellten mel­liertes Garn her.

Kette mit Anhänger aus Wolle gesponnen und gefilzt

Kette mit Anhänger aus Wolle gesponnen und gefilzt

Während der einzelnen Betreuungen gingen die Kinder gerne an die Handkarde und kämm­ten wieder unsere selbst gewaschene Wolle und verfilzten sie. Es entstanden Gesich­ter, Clowns, Tiere, Blumen, Kissen, Puppenbett­chen, Bilder, Handyhüllen und vieles mehr.
Die Freie Schule Allgäu bietet mehrere Kreativ­kurse zur Wahl an. Der Entscheidungsprozess, wo das Kind hin will, ist wichtig, indem sich das Kind zu seinem Tun und zu den Teilnehmern ins Verhältnis in Kenntnis setzt. Die Freie Schu­le Allgäu ist klassenübergreifend tätig und lehrt mit verschiedenen pädagogischen Ansätzen z. B. Montessori. Meine Tätigkeit ist geleitet im Hinblick auf das Menschenbild der Waldorfpäd­agogik sowie dazugehörigen heil-pädagogi­schen Kriterien. Meine Begeisterung für das Konzept liegt in der Konzeption, auf das Kind einzugehen. Es kommen dort Kinder, die hoch­begabt sind und auch mit anderen Auffälligkei­ten. Sie sind  besondere Kinder, die ihrer Zeit voraus sind und irgendwie schon wissen, was sie wollen. Diese Kinder finden sich in den her­kömmlichen Schulen nicht ausreichend wahr­genommen und wurden nicht selten Schulver­weigerer.

In meinem Kurs gelingt das Tun erst, wenn sich das Kind in der Gegenwart auf das Material und die Gesetzmäßigkeiten einlässt. So arbei­tet das Kind an sich. Durch nachmachendes Tun gelingt Stück um Stück die Arbeit an sich selbst. Die Freude daran macht es mög­lich .

Text und Bilder: Christine Hahn

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