„Der Wiedereinzug ins Paradies“ Zwei Beispiele

Der Juni stand für mich ganz im Zeichen der Permakultur. Zunächst fand eine 3-tägige Permakulturreise nach Südtirol statt. In Marling bei Meran ging es zum Obstbauern Walter Margesin. Inmitten all der konventionellen Obst-plantagen mit Hagelnetzen und 30 Giften pro Apfel, ist Walter einer der wenigen Bio-Obstbauern. Aber auch diese Anlagen unterscheiden sich nur äußerlich wenig von den konventionellen Anlagen. Ein sehr wichtiger Unterschied ist die Bodenabdeckung und Bodenfütterung durch Stroh und die Erweiterung der Apfelmonokultur durch Kürbisse. Getreu den Permakultur-Planungsgrundsätzen „Schichten und Stapeln“ und „Jedes Element erfüllt mehrere Funktionen und jede Funktion wird von mehreren Elementen getragen“ werden die Apfelbäume als Rankhilfen für die Kürbisse genutzt und die Kürbisse beschatten den Boden und schützen ihn vor Austrocknung. Durch die Doppel-Nutzung hat Walter deutlich höhere Einnahmen.

Bei Walter gibt es aber auch noch einen anderen Teil, auf dem er schon vor 10 Jahren begonnen hat, einen Permakultur-Obstwaldgarten aufzubauen. Betritt man dieses Gelände wirkt es wie ein Paradies und man sieht die Straßen, Stadt und Obstplantagen nicht mehr. Eine Vielfalt von Obstsorten wächst hier mit Blumen, Kräutern und Bäumen zusammen. Ein Teich schafft weitere Vielfalt für viele Lebewesen und einen wunderbaren Ruheort. Manches pflanzt sich selbst aus, gerade die Feigen sind wunderbare Permakultur-Pflanzen im Süden: Sie pflanzen sich selbst aus und man muss nur ernten.

Die Vorstellung, dass die durch die Spritzmittel vergiftete Gegend um Meran, eines Tages ein durchgehendes Obstwaldgarten-Paradies wird, ist (noch) eine schöne Vision. Vision deshalb, da die Früchte aus diesem Paradies mehr kosten würden, da sie nicht maschinell erntbar sind. Wenn man bedenkt wie wenig gerade die Deutschen für Nahrungsmittel ausgeben (Lebens-mittel möchte ich das oft nicht nennen), frage ich mich
„Was ist uns unser Leben wert – was sind wir uns selbst wert?“

Das zweite Beispiel war eine Führung im Rahmen unseres Permakultur-Zertifikatskurs in Unterthingau. Die Führung fand mit Bernhard Hummel statt, der uns den Hummelhof in Elmatried, nahe Kempten zeigte. Auch der Hummelhof ist für mich auf völlig andere Weise ein Beispiel zur Versöhnung mit der Natur in Lagen, die nicht so sonnenverwöhnt sind wie die Gegend um Meran.
Seit Anfang an wird auf der Grundlage der Wirtschaftsweise, die RUDOLF STEINER 1924 ins Leben gerufen hat (meist biologisch-dynamisch genannt) gearbeitet. Gerade das Verständnis, dass ein Hof ein allseits zusammenwirkender Organismus ist, zeigt ein zukunftsweisendes Verständnis von Landwirtschaft.
Wenn einem Bauern schon fast unwohl wird, wenn seine Kuh 10 Liter Milch gibt, statt oft 40 oder 60 Liter, dann ist da ein besonderer Bauer am Werk. Wenn er und seine Familie auch noch viele Mitwirkende findet, ist das auch ungewöhnlich. Und wenn dem Bauern der Hof gar nicht gehört, sondern einem Verein, dann ist dies sehr besonders.

Seit über 20 Jahren wird in ELMATRIED eine pädagogische Hofform entwickelt, an der schon mehrere hundert Kinder beteiligt waren. Auf einer Fläche von etwas über 17ha entstanden außer 1 km Hecken, mehrere Gär-ten, Streuobstwiesen, Kräuterbeete, ein Korb-weidenquartier, Jungwald, Biotope, Gewächs-häuser für Anzucht und empfindliche Kulturen und Raritäten.
Es sind ebenfalls eine kleine Hinterwälder- Kuhherde, Esel, Pferde, Schafe, Ziegen, Hühner, Enten, Gänse, Bienen,Wildbienen, Reptilien- und Lurchbiotope heimisch geworden. Gerade der Erhalt alter und vom Aus-sterben bedrohter Nutztierrassen und Wildtiere ist hier ein Anliegen und so durften wir auch
den ersten Spatenstich zum Bau eines Fledermaus-Tunnels als Winterquartier für diese Tiere unter Anleitung und Führung von Bernhard Hummel ausüben, was für uns eine besondere Ehre und Freude war.

Es war von vorne herein klar, dass eine solche Unternehmung nicht im privatwirtschaftlich Üblichen sich wird entwickeln können. Deshalb erfolgte schon zu Beginn der 90-iger Jahre die Gründung des gemeinnützigen Vereins „Land-und Gartenbau Elmatried e.V.“
Da ein solches Unternehmen seine Aufgabe eben gerade nicht zuforderst darin sehen kann sich den marktwirtschaftlichen Zwängen, wie auch immer, zu unterwerfen, bietet es die einzigartige Möglichkeit, für die in unserer bestehenden Gesellschaft benachteiligten Menschen, die z.T. auch am Hofgelände wirken und wohnen.
Die erzeugten Produkte stehen selbstverständlich für einen Verkauf zur Verfügung, gehen größtenteils jedoch in die Schulküche der Freien Schule Albris.
Priorität hat allerdings stets das Verhältnis von Bodenleben und Fruchtfolge und dem daraus hervorgehenden Anbau von Intensiv-Kulturen, wie eben Feldgemüse.
Der Hummelhof und seine Betreiber haben das Anliegen, dass möglichst viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene diese Art des Landbaus kennenlernen dürfen. Dazu dienen auch Beet- und Baumpaten-schaften, Praktika etc.
Außerdem finden jeden ersten Samstag im Monat ab 16:00 Uhr Führungen statt. Solch eine Führung fand eben auch mit unserem Dutzend meist junger hochinteressierter Menschen des Permakultur-Zertifikatskurs statt, die schwer beeindruckt von Bernhard Hummel und der Wirtschaftsweise am Hof waren.
Nach diesen beiden Beispielen stellen sich mir folgende Fragen:
Wieweit sind diese Beipiele übertragbar?
Was braucht es, dass z.B. Walter Margesin von seinen „Pardies-Früchten“ leben kann?
Am Hummelhof ist es durch Unterstützung anderer Menschen für die Bauernfamilie möglich, Walter fehlt diese noch. Patentrezepte gibt es keine. Einige Möglichkeiten bieten die verschiedenen Formen der „Solidarischen Landwirtschaft“ (auch Community Supported Agriculture genannt, kurz CSA), auf die in einem späteren Artikel eingegangen wird. Wer Lust hat, kann ja schon mal unter http://solidarische-landwirtschaft.org nachsehen oder das Konzept der Alpe Sonnhalde in Steibis ansehen:
http://www.alpe-sonnhalde.de/konzept.html
Unter http://www.gartencoop.org/tunsel/film kann man auch einen Film über eine CSA-Kooperative in Freiburg ansehen
Neben der Erzeugung der eigenen Lebensmittel, stellen Systeme wie die von Walter aus meiner Sicht die besten Mittel zum Leben her, schützen Wasser und Boden(leben) und schaffen ein gesundes Mikroklima.

Lasst uns viele dieser Paradiese möglich machen !

Jochen Koller und Bernhard Hummel

Kontakt Hummelhof:
Elmatried 57 – 87439 Kempten
bernhardhummel (ät) t-online.de

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Eine Antwort auf „Der Wiedereinzug ins Paradies“ Zwei Beispiele

  1. Gundula Kreis sagt:

    Gerade bin ich auf diese Adresse gekommen, ich habe bei Primavera die Broschüre „nachhaltiges Allgäu“ mitgenommen.
    Das ist genau das was ich suche und ich werde euch bald besuchen. Das Konzept der Erzeugung von Lebensmitteln die sich mit Fug und Recht so nennen dürfen in Verbindung mit einer besonderen Schulform, das gemeinschaftliche Miteinander – all das überzeugt mich sehr. Danke für euren Mut! Bis bald

    Gundula Kreis, Füssen

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